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VORWORT
Der Mann, der die Frauen liebt, so könnte man mich umschreiben. Frauen haben mich - im Gegensatz zu Männern - so lange ich denken kann schon immer fasziniert. Jungen und Männer fand ich dagegen oftmals zu bedrohlich und gefährlich. Sicherlich ist daran auch die Erziehung meiner Mutter nicht ganz unschuldig. Unermüdlich wies sie mich darauf hin, dass man Frauen und Mädchen zuvorkommend behandeln soll. Das Übrige trug das Lesen der Frauenzeitschrift "Brigitte" bei. Ich las sie immer, nachdem meine Mutter sie weggelegt hatte. Folglich bekam ich Einiges mit, lange bevor andere überhaupt darüber nachdachten. So wunderten sich einige Schulfreunde, als ich 1982 ganz genau erklären konnte, um was es in dem Lied "Ich schau dich an" von der Spider Murphy Gang eigentlich ging. Die "Bravo" durfte ich indessen nie lesen. So war die Zeitschrift "Brigitte" lange Zeit meine einzige Chance mehr über Frauen zu erfahren.
Frauen oder besser gesagt Mädchen hatten ein eher gespaltenes Verhältnis zu mir. Zumindest dachte ich das lange Zeit. Ich meinte, ich sei ihnen schlichtweg etwas unheimlich, so dass sie mich eher mieden. Einen möglichen Beweis - davon war ich fest überzeugt - lieferte unter anderem der Text eines Liedes, der über mich im Schischullandheim zur Melodie von "Oh Tannenbaum" verfasst wurde. Der Text ging so:
Der Gruber ist ein Schlimmer,
der Gruber ist ein Schlimmer,
denn er schaut auf die Mädchen
immer.
Ob grob oder fein,
nur Hauptsach hübsch muss sie
sein. [...]
Text: Privat.
Somit war ich also zu einem jämmerlichen Stelzbock degradiert worden! Das war aber nicht unbedingt falsch, denn tatsächlich konnte ich es nicht lassen, den einen oder anderen schwärmerischen Blick in unterschiedliche Richtungen zu lenken. Jedenfalls danke Susanne O. und Stefanie B., die damals sicherlich federführend beim Verfassen dieser Zeilen gewesen waren. Außerdem werde ich Stefanies Gute-Nacht-Kuss am ersten Abend im Schullandheim nie vergessen. Ich war mächtig stolz darauf, vor allem von einem älteren Mädchen geküsst worden zu sein! Gegenüber Stefanie kam ich mir allerdings reichlich unerfahren vor, was ich zu dieser Zeit auch war. Und Susanne O. danke ich für die Umarmungen im Ellwanger Wellenbad: Weil sie nicht länger von mir getunkt werden wollte, klammerte sie sich lieber an mich!
1970 - 1979
Aufgrund meiner Vorliebe für alles Weibliche ist es nicht weiter verwunderlich, dass ich mich bereits während meiner Kindergartenzeit lieber mit Mädchen als mit Jungen abgab. Ich besuchte den Kindergarten in Anzing bei München und ich kann mich noch gut erinnern, dass ich eine Freundin hatte, deren Namen mir leider entfallen ist. Ich denke, sie hieß Sabine. Sicher bin ich mir jedoch nicht. Sabines Mutter ließ uns ab und zu den Kindergarten schwänzen. Das war mir nicht ganz Unrecht, denn wir bekamen dann im Sommer immer Eis zum essen, während wir den Tag in ihrem Elternhaus verbrachten. Wir spielten oft Vater-Mutter-Kind oder machten manchmal Doktorspiele. Vater-Mutter-Kind spielte ich nicht so gerne. Die Doktorspiele fand ich dagegen schon interessanter. Ich kann mich noch erinnern, dass Sabine die Tür nie zumachte, wenn sie aufs Klo ging und ich durfte ihr zusehen. Wenn sie pieseln musste, sagte sie immer: "Ich muss Rolle-Rolle machen." Ich hatte es jedenfalls nicht so gerne, wenn mir jemand dabei zusah.
Einmal machten wir - meine Mutter und ich - mit meiner Oma Urlaub in Caorle, Italien. Ich lernte dabei ein blondes Mädchen kennen. Ich glaube, wir waren unzertrennlich, auch wenn wir uns ab und zu gestritten hatten. Jedenfalls ist diese zarte Ferienliebe auf Fotos festgehalten worden: Zwei blonde, braungebrannte, nackte Kinder am Strand.
Durch meine Eltern hatte ich eine ganz natürliche Einstellung zur Nacktheit. So gehörte ich lange Zeit zu denen, die nackt baden gingen. Wann immer sich eine Gelegenheit bot, sprangen wir ohne Kleidung ins Wasser. Unvergessen ist mir das Plantschen in den kalten Gebirgsbächen der Ötschergräben in Niederösterreich. Nach dem Abstieg über den Rauen Kamm und am Geldloch vorbei, war das Bad eine willkommene Erfrischung und fast mit einer Einkehr beim Ötscherhias, einer Jausenstation, gleichzusetzen.
Ein Mädchen, dass ähnlich wie ich erzogen wurde, war Ulrike B., die Tochter von Freunden meiner Eltern. Ihre natürliche Einstellung zur Nacktheit hat sie sich im Gegensatz zu mir auch später noch bewahrt. So konnte es vorkommen, dass sie bei einem Sommerfest nackt im Pool Schwimmen ging oder dass sie plötzlich im durchsichtigen Negligé (war es fliederfarben?) ihrer Mutter auftauchte und mit ihrem Bruder Michel und mir das Spiel des Lebens spielte. Ihre Einstellung fand ich toll. Nicht nur deshalb habe ich mich mehr als einmal in sie verliebt.
Ähnlich offenherzig war die Tochter einer Freundin meiner Mutter, deren Namen ich leider auch nicht mehr weiß. Als wir in Wien wohnten, durfte die Tochter einmal bei uns übernachten. Sie schlief auf einer Matraze neben meinem Bett und da wir viel zu überdreht waren, um zu schlafen, spielten wir: Ich-zeig-dir-meins-und-du-zeigst-mir-deins. Natürlich war bei dem Mädchen mit den braunen, streichholzkurzen Haaren noch nicht viel zu sehen, dennoch war ich stolz darauf ein Mädchen nackt gesehen zu haben.
Während meiner Volksschulzeit in Wien las ich sehr gerne Märchen und Sagen. Ein Märchen das ich wieder und wieder las, war neben "Allerleirauh" "Der Blaue Vogel" von Marie Catherine d'Aulnoy. Angeregt durch die Aquarellbilder von Mirko Hanák begann ich selbst Prinzessin Rose zu zeichnen. Allerdings erhielt sie von mir schwarze Haare und nicht blonde, wie in dem reich bebilderten Buch.
Überhaupt zeichnete ich sie immer wieder: Mädchen. Und als wir in Wien in Sachkunde zum ersten Mal aufgeklärt wurden, war meine Neugier riesengroß. So kritzelte ich in der Folgezeit immer wieder nackte oder nur spärlich bekleidete Mädchen. Einmal sollten wir uns in Kunsterziehung - zum Aufklärungsunterricht begleitend - nackt oder nur mit Badehose im Bad oder unter der Dusche malen. Mein eigener Körper war mir längst nicht genug und so zeichnete ich nicht nur mich, sondern kurzerhand auch gleich meine Schulkameradin Helga Qu. dazu. Nicht weiter verwunderlich, dass ich dadurch in Erklärungsnot geriet. Die Ähnlichkeiten mit Helga waren offenkundig: dunkles Haar und zwei Zöpfe!
Rückblickend finde ich es nachahmenswert, wie fortschrittlich schon damals in den Wiener Volksschulen die Jungen und Mädchen zu einem natürlichen Sexualempfinden erzogen wurden. Beispielsweise gab es bis zur vierten Klasse Volksschule nur eine Sammelumkleide und so empfanden es weder die Mädchen noch die Jungen als anstößig sich bis auf die Unterhose vor den anderen auszuziehen. Einmal wies mich mein Schulfreund Matthias R. in der Turnstunde darauf hin, dass sich bei unserer Klassenkameradin Doris H. erste Rundungen zeigten. Das war es dann auch. Wie gesagt, wir empfanden daran nichts Anstößiges.
In unsere Klasse ging auch Erica. Die Eltern von Erica Sch. waren entweder Amerikaner oder Österreicher, die vorwiegend in den Staaten gelebt hatten. Mit ihrem langen, blonden Haar verzauberte sie uns alle. Erich K. galt am ehesten als ihr Beschützer und keiner traute sich, offen zu sagen, dass er ebenfalls für Erica schwärmte. Heimlich tat das jedoch fast jeder in der Klasse. Als wir am Ende der vierten Klasse einen Freund mit sich selbst zeichnen sollten, malte ich Erica und mich, wie ich mich von ihr am Flughafen verabschiedete und so zeigte ich endlich allen, dass auch ich für sie schwärmte. Ich weiß nicht, aber ich glaube, die meisten waren nicht so beigeistert davon. Vielleicht bilde ich es mir nach all den Jahren auch nur ein, aber ich meine, dass selbst Helga Qu. nicht begeistert war. Ansonsten war ich kein großer Mädchentyp. Ich wollte zwar etwas von ihnen wissen, aber sie selten etwas von mir.
Noch heute wundere ich mich deshalb darüber, was ich gemeinsam mit meiner Jugendfreundin Barbara M. erlebt habe. Es mochte während der dritten oder vierten Volksschulklasse gewesen sein, als ich die Feiertage um Allerheiligen und -seelen bei meine Oma in Hausmening, Niederösterreich, verbrachte. Meine Oma ließ gerade an dem Haus, das ihr gehört hatte, Reparaturen vornehmen und deshalb war das Zimmer von Barbara und Martina M. mit den Möbeln aus dem Wohnzimmer zugestellt. Vor dem Wohnzimmerschrank stand das ausziehbare Bettsofa der Familie. Barbara und ich spielten und wie immer waren wir dabei unbeaufsichtigt. An diesem Tag war einiges anders: Barbara hatte einen dieser weißen, durchsichtigen Petticoats an, den ihr meine Oma geschenkt hatte. Daher konnte man mehr als erahnen, was sie darunter trug. Jedenfalls fragte ich Barbara frech, ob ich sie auch einmal nackt sehen konnte und zu meiner Verwunderung willigte sie ein, nachdem ich ihr versprochen hatte, ihr im Gegenzug mein Glied zu zeigen. Ich tat es, obwohl ich mich schämte, weil es schon mächtig groß geworden war. Ich bin mir sicher, der Petticoat war mehr, als ich ertragen konnte! Jedenfalls zeigte sich Barbara mir nackt. Der frühe Abend kam und wir machten kein Licht. Stattdessen ließ mich Barbara im Halbdunklen auf dem Bettsofa vor dem Schrank Platz nehmen. Ich lehnte mit dem Rücken an dem Schrank und sie nahm sich eine karierte Tagesdecke. Während sie vor mir kniete, breitete sie die Decke über sich aus, die nun wie die Flügel einer Fledermaus aussah. Sie sollte vor allem das verbergen, was nun kam: Nachdem sie sich ihrer Strumpfhose und des Petticoats schon längst entledigt hatte, zog sie ihren Schlüpfer herab und ihr T-Shirt hoch. Es war überwältigend, denn schließlich ließ sie mir genügend Zeit, um sie genau betrachten zu können. Mehr noch: Ich durfte sie auch noch berühren. Glückselig fuhr ich mit meinen Händen die Linien ihres Körpers nach. Ich berührte ihre kleinen Brüste und ihre Scham. Schade, dass Barbaras Mutter hereinplatzte und dem ganzen ein jähes Ende bereitete. Sie fragte uns, was wir hier machen würden, worauf ich völlig verdattert antwortete: "Wir spielen Doktor." Ich glaube, dass Barbara einen ziemlichen Ärger bekam, nachdem ich gegangen war. Jedenfalls war sie tags darauf, als wir uns wieder sahen, sehr geknickt. Sie hatte deswegen Hausarrest bekommen. Ich denke nicht, dass meine Eltern von allem etwas mitbekommen haben. Feige wie ich war, war ich darüber erleichtert. So gesehen hatten wir, auch wenn wir noch sehr jung waren, nichts Unrechtes getan. Jedenfalls hatte Barbara bestimmte Wünsche in mir geweckt. Dafür danke ich ihr! Ich denke auch, dass ich seit diesem Abenteuer eine besondere Vorliebe für ältere Mädchen und durchsichtige Dessous behalten habe.
1979 übersiedelte meine Familie von Wien nach Aalen. Aufgrund der unterschiedlichen Leistungsanforderungen wiederholte ich die vierte Klasse, eine richtige Entscheidung, obwohl ich als Legastheniker deutliche Fortschritte gemacht hatte. In meine Klasse, die Klasse 4c der Gartenschule, ging auch Barbara J. Seltsamerweise verstand ich mich mit Barbara auf Anhieb. Sie war schon damals sehr hübsch, hatte lange, braune Haare und etwas sehr Warmes in ihrem Wesen. Für den Umzug zum Kinderfest sollten wir uns als Architekten verkleiden. Grund dafür war, dass in diesem Grundschuljahr, der Altbau der Gartenschule dem Neubau der Greutschule gewichen war. Das ganze sollte paarweise von Statten gehen und Barbara sollte meine Partnerin sein. Leider hatte sie sich beim Schifahren eine Lungenentzündung (War es eine Lungenentzündung? Ich bin mir nicht mehr so sicher.) zugezogen und musste wochenlang das Bett hüten. Daher sollte Jasna M. meine Partnerin beim Umzug sein. Schlussendlich fiel der Umzug wegen schlechtem Wetter aus. Als Barbara wieder kam, kam es allerdings zu ein paar Eifersüchteleien unter den Mädchen. Dabei ergriff ich ganz klar für Barbara Partei. Gemeinsam mit meinem Schulkameraden Michael V. bildeten wir den persönlichen Begleitschutz von Barbara. Barbara war eine sehr gute Eisläuferin und ich musste es erst noch lernen. Sie zeigte mir das Eislaufen und ich zeichnete ihr ins Sachkundeheft, so dass sie bessere Heftnoten bekam.
1980 - 1989
Das einzige Mädchen, dass ich von der Grundschule kannte und mit dem ich auf das Aalener Schubart-Gymnasium ging, war Sonia Sch. Alle anderen, darunter auch Barbara, waren von der Grundschule auf das Theodor-Heuss-Gynmasium gewechselt. Mit Sonia verband mich Freundschaft, die sich jedoch bald gab. Ein Lichtblick war Christina W. Für sie schwärmte ich dann ab der fünften Klasse. Leider hat sich nie etwas zwischen uns ergeben. Dabei bemühte ich mich redlich um sie und ließ keine Gelegenheit aus, um ihr meine Zuneigung zu zeigen. In der fünften Klasse hatten wir beispielsweise Herrn G. in Deutsch. Eines Tages fragte er uns, ob unsere Klasse nicht ein Theaterstück einstudieren wollte. Die meisten waren begeistert und so überlegten wir, was wir spielen konnten. Schließlich schlug ich "Romeo und Julia" vor. Herr G. stutzte, aber schließlich stimmte er zu. Allerdings wollte sich von den Jungen niemand melden, der freiwillig den Romeo spielte. Deshalb fiel die Wahl auf mich. Mir stand es nun frei, meine Julia selbst zu wählen. Natürlich bestimmte ich Christina zu meiner Partnerin. Insgesamt waren drei Szenen geplant: Die Balkonszene, die Auseinandersetzung auf der Straße und die Sterbeszene in der Gruft der Capulets. Im Rahmen einer Abiturentenabschlussfeier sollten die drei Szenen zur Aufführung kommen. Schlussendlich machten wir uns alle ans Proben.
Damit jedoch nicht genug. Während einer Kunststunde schrieb ich Christina einen Brief, in dem ich ihr eröffnete, dass ich sie liebe. Zugegeben, das war nicht besonders einfallsreich, trotzdem versagte er nicht seine Wirkung bei ihr. Heute glaube ich, dass er einfach zu früh kam oder unpassend war oder beides. Christina schrieb jedenfalls zurück, dass sie mich nicht lieben würde. Das war's! Umso überraschender kam dann ein Anruf von Christina. Ich glaube, es war vor der ersten Probe von "Romeo und Julia". Sie gestand mir, dass sie mich ebenfalls gut leiden konnte. Na, das war immerhin schon etwas! Grund genug ihr jahrelang den Hof zu machen! Ich hoffe niemand hält mich hierfür nun für einen Stalker! Die Aufführung war jedenfalls ein Erfolg, so weit ich es beurteilen kann. Wahrscheinlich hat uns niemand sehr ernst genommen. Christina war zehn und ich war elf. Damit waren wir sogar jünger als Franco Zeffirellis Romeo und Julia (Leonard Whiting und Olivia Hussey; I 1967). Der Kuss in der Balkonszene war eine ziemlich haarige Angelegenheit. Christinas lange Haare fielen ihr ins Gesicht, als ich sie auf die Wangen küsste.
1983 fuhr meine Klassenstufe ins Skischullandheim nach Sankt Johann im Ahrntal, Südtirol. Schon vor der Abfahrt ins Schullandheim sorgte ich für einige Aufregung. Wir sollten uns überlegen, mit wem wir gemeinsam ins Zimmer wollten. Mit meinem Freund Holger K. wollte ich ein Vierbettzimmer teilen. Und zudem schlug ich Nicole R. und Christina als Zimmergenossinnen vor. Nachdem ich die beiden Mädchen gefragt hatte, machte ich mich sogar bei meinen Eltern für meinen Vorschlag stark. Mein Vater nahm mich nicht voll und Herr V., unser Biologie- und Sportlehrer, der uns ins Schullandheim begleiten sollte, zeigte sich überhaupt nicht begeistert. Nachdem mir schon zuvor die Mitschülerinnen und Mitschüler abgeraten hatten, überhaupt mit Herrn V. zu reden, erteilte er mir eine klare Absage. Einen Grund dafür wollte er mir auch nach mehrmaligen Nachfragen nicht nennen. Verklemmte Welt! Ich fühlte mich bestätigt, als ich im Herbst des Jahres in Joachim Illies' Buch "Auf dem Wege - Briefe an Thomas" las:
[...] Ihr alle sollt nackt duschen, vielleicht gar mit den Mädchen zusammen, so meinen einige moderne Sexualaufklärer. Da wäre doch nichts dabei, sagen sie. Das wäre doch ganz natürlich! [...]
Text: Joachim Illies (1982): Auf dem Wege - Briefe an Thomas. Vellmar-Kassel.
Genauso sah ich es auch. Weiters stand in dem Buch:
[...] Eine Freundin ist ein weiblicher Freund. Ein Freund ist aber einer, der einem vertraut und auf den man sich verlassen kann, der mit einem geht auch auf dunklen Straßen, dem man seine Freuden und seine Sorgen anvertrauen kann, seine Träume und Wünsche, ja schließlich sich selbst. Eine Freundin ist also ein Mädchen, mit dem man solche Freundschaft hält und mit dem man - weil sie eben ein Mädchen ist und du ein Junge - ein Stück Weges gemeinsam in dieses neue, lockende Land der Liebe hineinwandert. [...]
Text: Joachim Illies (1982): ebenda.
Immerhin war ich mit diesem Abschnitt einverstanden. So sollte meine zukünftige Freundin sein.
Aus Sehnsucht nach einer Freundin begann ich 1984 an "Dreaming" zu schreiben. Keine Freundin zu haben war für mich der zweite Grund schriftstellerisch tätig zu werden. So konnte ich wenigstens meine Fantasien niederschreiben. Vorläufer zu "Dreaming" waren "Yard of Adventures" (ein toller Titel!) und "Four Seasons of Love". "Yard of Adventures" war eigentlich als Drehbuch gedacht. Zusammen mit meinem Freund Holger K. und unseren Super-8-Kameras wollte ich einen Film im Stil der damaligen Musikvideos drehen. Dabei war ich mehr für das Fantastische und Holger für das Rationelle zuständig. Als Mehrteiler konzipiert sollte
"Yard of Adventures" die Geschichte von vier Jugendlichen, zwei Mädchen und zwei Jungen, und deren Probleme mit dem Erwachsen werden erzählen. Für die Hauptrollen waren - wie konnte es auch anders sein - Christina, Elke B., Holger und ich vorgesehen. Aus den Filmen wurde jedoch nichts, da Holger immer öfters mit Dirk O. die schulfreie Zeit verbrachte und keine Zeit mehr für mich hatte. Dirk wollte seine eigenen Filme mit Holgers Hilfe verwirklichen. Zumindest für den ersten Teil hatte ich mir jedoch Christinas Einverständnis eingeholt. Sie schrieb:
[...] Also, ich find's toll, du musst mir nur noch alles genauer erklären. Bitte! [...]
Text: Privat.
Da ich nun keinen Partner mehr hatte, mit dem ich mir Geschichten ausdenken konnte, schrieb ich bald an meinen eigenen Geschichten. In Anlehnung an das gleichnamige Album von Donna Summer, die ich sehr verehre, nannte ich das nächste Drehbuch "Four Seasons of Love", einen Vierteiler mit jeweils drei kleineren Episoden. Die vier Teile sollten Autumn Changes, Spring Affair, Summer Fever und Winter Melody heißen. Herausgekommen wären wohl vier Kurzfilme im Stil des zu dieser Zeit angesagten Fotografen David Hamilton. Immer noch unzufrieden mit "Four Seasons of Love" schrieb ich bald eine vollständige Geschichte, um die zwölf einzelnen Episoden. Und so entstand dann "Dreaming", ein Fragment, aus dem ich dann "Die Falbenköngin" weiterentwickelte, eine Triologie, die ich immer noch nicht abgeschlossen habe.
Eine weitere Sommerliebelei gab es 1984 am Attersee. Ich durfte ein Computercamp in Weyregg besuchen und lernte Flussdiagramme zu erstellen und die Programmiersprachen Basic und Pascal auf einem Apple Macintosh anzuwenden. In der Freizeit gingen wir segeln. Gemeinsam mit meinem Mitbewohner segelten wir auf einer 470er. Mein Mitbewohner machte den Steuermann und ich war der Vorschoter. Leider hatten wir kein Trapez, so dass wir bei mehr Wind ab und zu kenterten. Gegen Ende des Computercamp-Aufenthalts nahmen wir am letzten Nachmittag die Tochter eines Nachbarns mit zum Segeln. Jedenfalls sind wir an diesem Nachmittag so oft wie noch nie Baden gegangen. Schuld daran war wohl auch das Mädchen in einem weißem T-Shirt und rotem Badeanzug. Naß durch Spritzwasser und das unfreiwillige Badengehen, waren Shirt und Badeanzug bald völlig durchscheinend geworden.
Mit meiner Konzentration war es aus und vorbei. Statt dessen hatte ich nur noch Augen für sie. Sie hatte nicht nur meine Beschützerinstinkte geweckt. Den letzten Abend waren wir beide jedenfalls unzertrennlich. Wir saßen am Lagerfeuer, sahen in die Sterne und küssten uns. Tags darauf wurde ich von meinem Vater abgeholt und wir sahen uns nicht wieder. Das Mädchen, deren Namen ich nicht mehr weiß, und ich schrieben uns noch einmal. Dann hörte ich nichts mehr von ihr. Für den letzten Abend mit ihr hatte ich sogar eine Verabredung mit einem älteren Mädchen zum Sommerfest abgesagt. Sie war ebenfalls sehr hübsch: dunkelblond, braungebrannt und sie trug manchmal einen Overall mit Riemchensandalen.
Richtig schlimm wurde die Zeit für mich ab dem Herbst 1987. Nachdem ich eingesehen hatte, dass es sinnlos war, Christina weiter hinterher zu laufen, begann ich mich in Susanne H. zu verlieben. Völlig unerfahren in Liebesdingen machte ich einen großen Fehler. Schnell stellte sich heraus, dass Susanne einen Freund hatte, doch da war es schon zu spät. Mich hatte es mit Haut und Haaren erwischt. So wollte ich erneut ein Mädchen überzeugen, warum sie mich zu ihrem Freund nehmen sollte. So erniedrigen sollte man sich nie. Diese Einsicht kam mir jedoch erst viel später. Und, was tat ich alles, um ihr Herz zu gewinnen: Ich schrieb ihr Geschichten, zeichnete für sie und sie spielte wahrscheinlich nur mit mir. Und das Dumme daran war, dass es alle um mich herum offensichtlich wussten. Mir sagte Susanne, sie wolle von vielen geliebt werden und anderen sagte sie anscheinend, dass sie an mir gar nicht interessiert sei und nur mit mir spielen wolle. Das war ein grausames Spiel, das mir zudem noch in der Abizeitung den Beinamen "Susannes Privatsekretär" einbrachte. Schadenfreude ist die schönste Freude! Ich gab alles und bekam nur wenig zurück: Zwei Ausritte, eine Nacht an ihrer Seite, in der ich ihre Hände halten durfte, und eine Einladung nach dem Abitur zu einer Toskanareise.
Die Reise machte ich letztendlich mit Marion, meiner späteren Frau. Etwas Gutes hatte die Schwärmerei für Susanne dann doch gehabt: Auf ihrer Geburtstagsfeier lernte ich Marion, die ältere Schwester einer Mitschülerin kennen. Marion war das genaue Gegenteil von Susanne: Susanne war mittelblond, mittelgroß und ihr Körper eher jungenhaft und Marion war braunhaarig, zierlich und weiblich. Sie erinnerte mich ein wenig an die Schauspielerinnen Sophie Marceau (La Boum - Die Fete, F 1980) und Helena Bonham Carter (Zimmer mit Aussicht, GB 1986). Außerdem hatte ich unmittelbar zuvor "The Book of Lilith" von Barbara Black Koltuv gelesen. Marion hatte für mich etwas von dieser geheimnisvollen Dämonin und so wurde aus uns bald etwas sehr Ernstes. Seit dem 1. Dezember 1988 sind wir ein Paar. Zugegeben, es war bei mir nicht Liebe auf den ersten Blick. Dafür entstand mit der Zeit etwas viel Dauerhafteres. Prägend war wohl auch, dass Marion die erste und einzige Frau war und ist, mit der ich schlief.
1990 - 1999
Die Neunziger Jahre waren keine leichte Zeit für uns beide. Dabei hatten sie eigentlich nicht schlecht begonnen. Marion kam beruflich rasch vorwärts und ich machte in meinem Studium schnell Fortschritte. Auch Dank Marions Unterstützung hatte ich fast durchgehend sehr gute Noten. Nach außen wirkte alles Bestens. Nach innen litten Marion und ich daran, dass sie von meinen Eltern immer noch nicht als meine Freundin angenommen wurde. Meine Eltern verstanden beispielsweise nicht, dass ich mit Marion lieber in den Urlaub fuhr. Es hieß nur: So lange du deine Füße unter unseren Tisch stellst, hast du das zu tun, was wir dir sagen. Marion und ich standen mit dem Rücken zur Wand und so kam uns der Gedanken, dass wir vielleicht in aller Heimlichkeit heiraten sollten, ein gewagter Schritt, aber vielleicht die einzige Möglichkeit, meine Eltern vor vollendete Tatsachen zu stellen. Eine Gelegenheit dazu bot sich 1993 in unserem Sommerurlaub, unserer zweiten US-Reise. Unsere Freunde Susy B. und Michael C. halfen uns dabei. Wir erwarben eine Marriage's License und am 8. August heirateten Marion und ich, ohne das Wissen unserer Familien. Wir begingen die Hochzeit, so wie wir sie uns gewünscht hatten. Auf dem Deck des Hauses von Susy und Michael auf Mercer Island gaben wir uns das Jawort. Die Trauung nahm Richter Johnson, seines Zeichen oberster Friedensrichter von King County, vor, der sich in den Sechziger Jahren für die Bürgerrechte eingesetzt hatte. Anschließend ging es zu Daniel's Broiler nach Leschi zum Steakessen. Die Hochzeitsnacht verbrachten wir in der Salish Lodge & Spa in Snoqualmie, ein Hochzeitsgeschenk von unseren Freunden Susy und Michael. Das Hotel an den Wasserfällen war als "The Great Northern Hotel" durch die Außenaufnahmen für die Fernsehserie "Twin Peaks" (USA 1990 - 1991) berühmt geworden. Unvergesslich bleibt wohl das Frühstück am Morgen danach: Für mich gab es Haferschleim! Das kommt davon, wenn man die Speisekarte nicht richtig liest!
Die Reaktion meiner Eltern war wie erwartet entsprechend: 1994, nachdem ich mein Studium abgeschlossen hatte, musste ich zu Hause ausziehen. Erst wohnten Marion und ich bei ihrem Vater. Das war auch keine leichte Sache. Nach dem Einzug in die Dienstwohnung meines Schwiegervaters folgten zwei weitere Umzüge in Firmenwerkswohnungen. 1996 übersiedelten wir nach Aalen-Ebnat in eine große Mietwohnung. Endlich waren wir für uns alleine. Wir hatten uns nun entschieden, nicht in die Vereinigten Staaten auszuwandern, unter anderem nachdem aus meiner Doktorarbeit nichts geworden war. Das Misslingen des Promotionsstudiums war mein erster großer beruflicher Rückschlag. Eine lange Zeit der Arbeitssuche begann und erst 1997 fand ich dank Marion eine Anstellung als Trainee und später als Produktingenieur.
Die Neunziger Jahre waren das Jahrzehnt der Supermodels und auch ich schwärmte für sie. Es war eine Schwärmerei, mehr nicht. Besonders dunkelhäutige Models hatten es mir angetan, allen voran die Britin Naomi Campbell. Ein bisschen kann ich Boris Beckers offensichtliche Vorliebe für dunkelhäutige Frauen verstehen. Wie formulierte schon der bayerische Kabarettist Gerhard Polt in einem anderen Zusammenhang:
[...] Diese enorme Exotik, die wo da auf einen zukommt. [...]
Text: Dr. Roland J. Kupfer (2000): Gerhard Polt. Mai Ling. URL: www.rrr.de
Gerade diese Exotik ist bei Naomi Campbell sehr augenfällig, hat sie doch bekanntermaßen auch chinesische Vorfahren, ähnlich wie das männliche Model Tyson Beckford (er wirkte u. a. im Video "Unbreak My Heart" von Toni Braxton mit). Ja, auch als Mann kann man andere Männer schön finden! Naomi Campbell sah ich 1989 zum ersten Mal im "Tempo", einem Magazin, das ich zu dieser Zeit sporadisch las. Dort war sie auf einem Bild des bekannten Fotografen Herb Ritts zusammen mit vier weiteren Supermodels abgelichtet worden: Cindy Crawford, Tatjana Patitz, Stephanie Seymour (Exfreundin von Axel Rose) und Christy Turlington. Wenig später trat Naomi Campbell in Michael Jacksons Video "In the Closet" auf, alles sehr sexy, wie ich gestehen muss. An sich mag ich Fotos, auf denen Naomi Campbell nicht so offensichtlich aufgestylt ist, lieber. Zu meinen Lieblingsbildern von ihr gehört jenes, das im amerikanischen Harper's Bazaar im Juni 1992 im Rahmen des Artikels "America's 10 most beautiful Women" veröffentlicht wurde. Darauf wirkt Naomi sehr natürlich. Noami Campbell mag eine streitbare Frau sein, allerdings war sie neben der Somalierin Iman Abdulmajid (seit 1992 mit Sänger David Bowie verheiratet) eines der ersten schwarzen Supermodels. Weitere schwarze Frauen, die ich aus verschiedenen Gründen bemerkenswert finde, sind: Liz Baffoe (Schauspielerin), La Camilla (Exfrontfrau des schwedischen Trios "Army of Lovers"), Neneh Cherry (Sängerin), Joy Denalane (Sängerin), Waris Dirie (Topmodel und Autorin des Buches "Nomadentochter", das sich gegen die Genitalverstümmelung bei Frauen wendet), Skin - Deborah Anne Dyer (Sängerin), Aaliyah Dana Haughton R. I. P., Lauryn Hill (Sängerin), und natürlich auch The Gay Goddess Grace Jones. ALL POWER TO THE PEOPLE!
Ebenfalls eine Ikone der Neunziger Jahre war nicht nur für mich Dianne Brill. Sie schrieb den formidablen Ratgeber "Boobs, Boys & High Heels or How to get dressed in just under six Hours" (USA 1992). Auf Deutsch erschien das Buch 1994. Auf 192 Seiten beschrieb Dianne Brill, wie man als Frau tolle Typen kennen lernt, Rendezvous, Romantik und Verführung Hand habt, die passende Figur für den jeweiligen Anlass bekommt und behält, weibliche Attribute bestmöglich nutzt, die schönsten Dessous für sich entdeckt, sich in hochhackigen Schuhe bewegt, ohne sich die Beine zu brechen, jede Nacht Königin der Nacht wird und in kaum sechs Stunden so aussieht, dass man alle Herzen im Sturm erobert. Zugegeben der Spruch "High Heels, happy Homes" wirkt in Anbetracht der Emanzipation der Frau antiquiert, hat aber nach Meinung von Dianne Brill durchaus noch seine Berechtigung. Allerdings frage ich mich: Haben die meisten Männer Frauen wie Dianne Brill überhaupt verdient? Ich denke nicht! Männer sind Schweine ;-) Jean-Paul Gaultier schreibt über die Autorin und das Buch:
[...] Mademoiselle Bonbon, Miss Brill, hat die schönsten Kurven, die man sich vorstellen kann! Und ich liebe ihr Buch! [...]
Text: Dianne Brill (1994): Dessed to Kill - oder: Wie werde ich eine Sexgöttin? Jean-Paul Gaultier. München / Leipzig.
Dem kann ich mich nur anschließen.
Jemand gänzlich anderer trat 1998 in mein Leben. Bei meinem ehemaligen Arbeitgeber jobbte damals eine junge Frau, Kerstin. Kerstin S. war die allein erziehende Mutter einer dreijährigen Tochter. Zuerst redeten wir nicht viel miteinander. Schuld daran waren die Geschichten, die andere Frauen in der Firma über sie erzählt hatten. Kerstin war blond, schlank und fast so groß wie ich. Das schüchterte zusätzlich ein. Erst nach ein paar Wochen kamen wir überhaupt ins Gespräch und es zeigte sich, dass wir uns sehr ähnlich waren: Sie hatte beispielsweise den gleichen bitterbösen Humor wie ich und es begann mich zu wundern, wie eine junge Frau, die im Büro zudem noch bauchfrei trug, mir so ähnlich sein konnte.
Die wenigen Gespräche, die wir führten, fand ich schon damals große Klasse. Kerstin hatte bewiesen, dass sie wie ich sehr viel Fantasie besaß. Ich bedauerte es, als sie uns wieder verließ.
1999 führte der ewige Stress bei der Arbeit und beim Hausbau dazu, dass Marion operiert werden musste. Ein Myom (eine gutartige Geschwulst), das auf der Rückseite ihrer Gebärmutter gebildet hatte, musste entfernt werden. Dabei stellte der behandelnde Professor fest, dass Marion Endometriose hatte. Ob wir jemals Kinder haben konnten, war eine kurze Zeit unklar. Zum Glück verlief die Operation gut und alles verheilte schnell. Im Sommer 1999 zogen wir endlich in unser eigenes Haus ein. Unsere Doppelhaushälfte ist seither unsere Zufluchtsstätte, unser Heim. Schlussendlich haben Marion und ich ein Zuhause und sind nicht länger auf der Suche, ein feines Gefühl, nicht ständig rastlos unterwegs zu sein. Vieles, gutes, wie schlechtes, haben wir seither in unseren vier Wänden erlebt und bis heute das Wagnis eines eigenen Hauses nie bereut. Je ne regret de rien.
2000 - 2009
2001 kam Kerstin, Special K, zu meiner Firma zurück. Sie bekam einen festen Arbeitsvertrag und gemeinsam mit meinem ehemaligen Arbeitskollegen Roland B. und mir teilte sie sich ein Büro. Eine schöne Zeit begann, selbst wenn Kerstin und ich uns des Öfteren stritten, weil wir nicht immer einer Meinung waren. Dabei ging es selten um geschäftliche Dinge. Aus einer Bekannten und Arbeitskollegin war schnell eine Freundin von Marion und mir geworden. Roland indessen verstand unsere Streitereien nie. Ihm fehlten die Hintergründe und so stießen die gegenseitigen Sticheleien von Kerstin und mir bei ihm auf völliges Unverständnis. Meist musste Marion schlichtend eingreifen. Es stellte sich heraus, dass Kerstin, obwohl sie und ich uns sehr ähnlich sind, auch viele Dinge anders sieht. Hinzu kommt noch, dass sie - wie ich - ziemlich dickköpfig sein kann.
Dennoch schätze ich Kerstin sehr. Manchmal ist es so, als würde man in einen Spiegel blicken und darin mich ins Weibliche übertragen sehen. Als ich sie 2001 besser kennen lernte, war sie sehr unbändig und sprudelte über vor Fantasie. Ich glaube, mit Kerstin könnte ich mir viele Geschichten ausdenken und zu Papier bringen, wenn sie etwas mehr Zeit hätte. Zudem beflügelt Kerstin einen auf ihre Art. Sie zeigt, wie das Leben auch noch verlaufen kann. Sie ist wie ich schwer zu zügeln in ihrem aufbrausenden Naturell. Auch das mag ich an Frauen: Wenn sie unabhängig und eigenständig sind. Jedenfalls sind Marion, Kerstin und ich innerhalb kürzester Zeit durch sämtliche Höhen und Tiefen einer Freundschaft gegangen. Das verbindet. Wir haben alle einiges dazu gelernt, auch, dass sie manche Dinge nie ändern werden und dass man sehr vorsichtig sein sollte, wenn man sich in das Leben anderer einmischt. An meinem 33. Geburtstag wünschte Kerstin mir:
[...] Möge dein Humor und deine Lebenseinstellung weiterhin so schwarz und krass bleiben. [...]
Text: Privat.
In letzter Zeit sehen wir uns leider nicht mehr so oft, was ich schade finde, da Kerstin und ich offenbar so etwas wie soul mates sind.
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DER ANAM CARA
Der Begriff "Anam Cara" kommt aus dem Keltischen. "Cara" ist die Seele und "Anam" ist der Freund. Ein Anam Cara ist also ein Seelenfreund. Die Frage ist, gibt es wirklich so etwas wie Seelenfreundschaft oder ist alles nur ein Wunschgedanke.
In der Vergangenheit wurde schon einiges über das Thema geschrieben und der Begriff oft pathetisch breit getreten. So bezeichnete beispielsweise der spätrömische Kirchenschriftsteller Johannes Cassianus dieses Freundschaftsband in seinen Bekenntnissen als unauflöslich:
[...] Dieses, sage ich, wird durch keinerlei Zufälle zerbrochen, durch keinerlei zeitliche oder räumliche Trennung gelöst noch zunichte gemacht und dauert selbst über den Tod hinaus. [...]
Text: Gabriele Gérard (2001): Johannes Cassianus. Bekenntnisse. URL: www.trauer-um-florian.de.
Bei den Kelten wurde vor allem jemand der für einen anderen Menschen als Lehrer, Gefährte oder spiritueller Mentor fungierte, als "Anam Cara" bezeichnet. Diesem Seelenfreund konnte man sein Innerstes, seinen Geist und sein Herz offenbaren. So weit so gut. Die Beziehung zum Anam Cara war darüberhinaus eine Freundschaft, die sich über alle Grenzen der Konvention, Moral und begrifflichen Kategorien hinwegsetzte: Eine Seelenfreundschaft wurde auch gelebt zwischen Mann und Frau, Krieger und Kriegerin und Priester und Priesterin. Man war auf eine urtümliche und ewige Weise mit dem Freund seiner Seele verbunden. Das mag in der Theorie zwar ganz nett klingen; praktikabel ist diese Art von Freundschaft in der Realität jedoch noch lange nicht. Wie schnell ist man auf dem Boden der Tatsachen zurück!
Nicht nur aus diesem Grund wurde das Konzept der Seelenfreundschaft schon öfters kritisiert. So schreibt Mary Browne, Autorin des Buches "The Power of Karma":
[...] The concept of a soul mate implies that you can't achieve perfection without uniting with another person. But each of us is whole in and of herself. [...]
Text: Harpo Productions, Inc. (2002): Mary Browne. The Power of Karma. URL: www.oprah.com.
Und David Popenoe, Zweitdirektor des US National Marriage Projects, meint dazu:
"[...] (A soul mate) means a person who is exactly right for you, with whom you have perfect chemistry. In theory, the concept is terrific. But searching and believing in a soul mate is not helpful. Anyone has hundreds of potential marriage partners. It's a terrible idea to look for a perfect match. He does not exist."
Text: Harpo Productions, Inc. (2002): David Popenoe. URL: www.oprah.com.
Tatsächlich scheitert das Ideal einer Seelenfreundschaft also vor allem an der Wirklichkeit. Gerade der Absolutheitsanspruch und die Bedingungslosigkeit einer Seelenfreundschaft lassen sich in der Realität nur schwerlich umsetzen. Und gerade die Konventionen und Moral, über die sich diese Freundschaft hinwegsetzen soll, wirken sich negativ auf sie aus. Wer so wie ich verheiratet oder liiert ist, weiß, von was ich schreibe. Längstens jetzt gibts ein Problem. Man sollte außerdem wissen, dass es für jemanden, der noch nicht erfahren hat, wie sich eine Seelenfreundschaft anfühlt, sehr schwer ist, diese Bindung nach zu vollziehen.
Ideal aber sehr unwahrscheinlich wäre es, wenn sich zwei soul mates finden, sich verstehen und eine Bindung miteinander eingehen. Wie aber David Popenoe bereits erörtert hat, kann man nicht davon ausgehen, dass man seinen Seelenfreund so schnell oder überhaupt findet. Wahrscheinlicher ist es da schon, dass man irgendwann in seinem Leben (oder nie) auf ihn stößt. Man selbst fällt dann aus allen Wolken und der Partner, mit dem man bisher sein Leben verbracht hat, wird zu Recht misstrauisch. Eine Seelenfreundschaft stößt bei ihm auf Unverständnis und Eifersucht, das wäre die logische Konsequenz. Und als Betroffener fragt man sich sicherlich: Wie können die beiden eine so tiefe Bindung miteinander haben, wo ich doch mit ihr/ihm zusammen bin? Man würde es sich sehr einfach machen, wenn man sich jetzt rausredete. Man könnte sagen, es ist wie es ist und das kam so über uns. Das wahre Problem liegt allerdings viel tiefer: Es gibt unter anderem zwei Theorien was Freundschaften anbelangt: Die eine Theorie besagt, dass sich vor allem Gegensätze anziehen. So ist es bei Marion und bei mir. In vielen Bereichen sind wir grundverschieden. Der Vorteil daran ist, dass jeder seine eigenen, festen Bereiche in der Partnerschaft hat und sich so kaum Berührungspunkte ergeben, die zu Konflikten führen können. Die andere Theorie geht davon aus, dass sich Gleiches zu Gleichem gern gesellt. Das ist mir sofort am Anfang unserer Freundschaft zu Kerstin aufgefallen: Ich war fasziniert davon, wie ähnlich sich doch einzelne Menschen sein können. Dadurch ergaben sich jedoch auch Reibereien. Ähnliche Interessen sorgen früher oder später für einigen Zündstoff. Und dass dabei eine Frau und ein Mann aufeinander trafen, machte das Ganze für alle Beteiligten nicht leichter. Außerdem kam noch erschwerend hinzu, dass unsere Gesellschaft für derartige Freundschaften außerhalb einer Ehe/Beziehung nicht ausgelegt ist. Viele Menschen machen den Fehler, davon aus zu gehen, dass ihnen ein anderer Mensch gehört, sobald sie eine Bindung mit ihm eingegangen sind. "Wir gehören zusammen", heißt es oft bei Paaren. Ich empfinde jedoch genau diesen Besitzanspruch als sehr störend. Führt man - wie ich - eine Ehe, in der die Partner gleichberechtigt sind, so beschließt man ein großes Stück des Lebensweges miteinander zu gehen. Man hat einen Lebensfährten/in gewählt und schenkt sich gegenseitig Vertrauen. Besitzen tu ich einen Partner jedoch nicht! Gerade aus diesem Anspruch resultiert nämlich die Art von Eifersucht, die eigentlich völlig unnötig ist. So lange allerdings dieses Denken in den Köpfen der Menschen vorherrscht, ist es einfacher, wenn man sich als Andersdenkender etwas zurücknimmt. Und auch bei Seelenfreundschaften gilt für mich der Grundsatz: Die Freiheit eines einzelnen endet dort, wo sie die Freiheit eines anderen zu verletzen droht!
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An Marion mag ich, dass sie sehr realistisch ist. Sie ist im Gegensatz zu mir sehr nüchtern in ihrer Betrachtungsweise. Gemeinsam mit ihr habe ich schon viel erlebt. Wir waren oft auf Reisen und haben es zu einem gemeinsamen Haus und Garten gebracht. Marion hält zu mir. In ihr habe ich eine Freundin, Frau und Gefährtin gefunden. Mit viel Geduld hat sie es geschafft, dass ich ruhiger geworden und längst nicht mehr so jähzornig bin. Alles schien wohlgeordnet zu sein, bis am 22. März 2004 unsere Tochter Irma Sofie viel zu früh auf die Welt kam. Ihr Tod hat uns traurig und leer zurückgelassen.
Der für uns sehr schmerzliche Verlust sollte jedoch nicht umsonst gewesen sein. Dr. Rau, Marion und ich gaben nicht auf. Das konnte unmöglich alles gewesen sein! Und tatsächlich wurde meine Frau ein zweites Mal schwanger! Neben der Freude darüber mischte sich aber gleichzeitig einige Sorge. Auf keinen Fall sollte die zweite Schwangerschaft ebenfalls vorzeitig beendet werden. Und so musste Marion sich während der ganzen Schwangerschaft schonen und vor allem liegen. Aus diesem Grund war sie während der ganzen Zeit krank geschrieben. In der 22. SSW (Schwangerschaftswoche) kam dann der Schock: Bei einer Routineuntersuchung wurde mittels Vaginalultraschall! (kann ich in so einem Fall wie dem unseren nur empfehlen) festgestellt, dass sich Marions Muttermund abermals frühzeitig geöffnet hatte. Gerade noch rechtzeitig erhielt sie in einer Operation mit Vollnarkose einen totalen Muttermundverschluss und entgegen der Statistiken hielt sie dann bis zur 29. SSW durch. Allerdings lag sie in der Uniklinik in Ulm und ich war zuhause. Eine lange Zeit des Wartens begann für uns. Marion musste streng das Bett hüten und ich pendelte immer wieder zwischen Aalen und Ulm hin und her. Mein Eclipse war mir ein treuer Gefährte!
Das war nicht leicht für uns: Wir waren wochenlang getrennt und das waren wir schon gar nicht gewöhnt. Auch gibt es in einem Krankenhaus kein bisschen Privatssphäre. Das wussten wir zwar, trotzdem bin ich der Meinung, dass unsere Beziehung auf eine Probe gestellt wurde.
Nach der Geburt von Hannes stehen wir vor so etwas wie einem Neuanfang. Nach dem Alleinsein werden wir das Zusammenleben neu erlernen müssen. Und wenn unser Sohn nach Hause kommt, ergibt sich wieder eine völlig neue Situation: Marion und ich sind dann nicht mehr zu zweit. Vieles wird sich erst nach und nach normalisieren und erfordert viel Geduld. Davon bin ich überzeugt.
Eine Geburt ist ohnedies ein einschneidenes Erlebnis - auch für einen Mann. Für einen Augenblick erhält man - sofern man sich darauf einläßt - einen Einblick in viele Dinge, die erst verarbeitet werden müssen: Plötzlich ist die Partnerin, die Geliebte und Frau Mutter und das mit allen Konsequenzen. Ich empfinde das als eine Zäsur. Nicht zuletzt auch deswegen, weil unser Handeln und Tun bis dahin fast nur auf die Fortpflanzung ausgerichtet war. Keine Frage, wir sind unendlich dankbar, dass wir Hannes haben, doch ist bei einer Künstlichen Befruchtung und Problemschwangerschaft wie bei uns alles etwas anders: Intime Momente gab es beispielsweise nicht auf dem steinigen Weg, den Marion und ich beschritten haben. Ständig hatte ich das Gefühl, dass ein ganzes Team von Professoren, Ärztinnen und Arzten, Hebammen, Schwestern und Pflegern hinter uns steht und in der Tat war es auch so. Ich danke ihnen. Trotzdem sollte man sich dessen immer bewusst sein, wenn man sich wie wir auf diesen Weg einläßt. Und nicht zuletzt steht man gerade als Mann ziemlich alleine da. Ein Mann hat zu funktionieren. Mein Betrag zu unserem Kind beschränkte sich lange Zeit nur auf das Abgeben einer Samenspende in dem abgedunkelten Nebenraum des IVF-Labors zwischen all den verklebten Sexmagazinen! Zum Glück hatte ich die nicht nötig ... Scusa mi.
Irma Sofie werde ich jedenfalls nie vergessen. Immer wieder frage ich mich, wie sie wohl geworden wäre: Wahrscheinlich wäre unsere Tochter hübsch gewesen. Und groß wäre sie geworden. Vielleicht wäre sie blond gewesen; blond und blauäugig wie ihr Vater. Sub specie aeternitatis: Irma Sofie, ich liebe und vermisse dich!
Bild: Courtesy of NASA.
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