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DAS LUZIFER-PRINZIP
oder: Gibt es ein Fortkommen als CorpGoth, Freigeist, gemäßigter Anarchist und Tolkienist im Alltag?
VORWORT
Stille Wasser sind tief - frei nach dem Film "Vier Hochzeiten und ein Todesfall"
Wenn ich tot bin, soll meine Asche bei Cape Flattery, dem westlichsten Punkt der Vereinigten Staaten (ausgenommen Alaska), in den Pazifik gestreut werden. Außer einem Trauerredner werden wahrscheinlich nicht viele Gäste anwesend sein. Nur wenige werden die weite Reise auf sich genommen haben. Möglich auch, dass ein paar Mitglieder des Makah-Stammes der kurzen Zeremonie beiwohnen werden.
"Als ich diese Rede vorbereitete", begann der Redner, "rief ich einige Menschen an, um mir ein Bild davon zu machen, wie diejenigen Christian sahen, die ihn gekannt haben."
Er machte eine Pause, ehe er weiter sprach.
"'Ein Perfektionist' sind die Worte, die die meisten mit ihm verbunden haben", fuhr er fort. "'Beharrlichkeit' und 'Ausdauer" standen auch ganz oben auf der Liste."
Der Trauerredner deutete ein Lächeln an.
"Also - 'ein penetranter Perfektionist' und 'schrecklich beharrlich' und 'schrecklich ausdauernd' scheint die Antwort derer zu sein, die ihn nicht so gut kannten. Andererseits waren einige von euch so nett, mich anzurufen und mir zu sagen, dass ihr ihn mochtet. Und ich weiß, er hätte sich wahnsinnig darüber gefreut, das zu hören. Sicher erinnert ihr euch an seine aufrichtige Art, an seine hohe Authensität... Und, kein Zweifel, er war ein Frauenversteher."
Der Redner musste schmunzeln.
"Zumindest bemühte er sich redlich darum", fügte er noch schnell dazu.
Die Zuhörer lachten und niemand schämte sich deswegen, denn alle wussten, dass ich am lautesten und schallendsten gelacht hätte.
Die Seite DENKEN ist eine der persönlicheren Seiten auf meiner Homepage. Sie deckt ein sehr weites Gebiet ab. Eingeteilt in vier Abschnitte beschreibe ich auf dieser Seite, was mich ausmacht. Das reicht sicherlich völlig aus, um mich kurz umschreiben zu können. Ohnedies gebe ich nicht alles von mir Preis. Warum auch! Schließlich soll es noch lange etwas zu beschreiben geben. Überhaupt umgebe ich mich gerne mit dem Flair des Rätselhaften. Wer tut das nicht? Außerdem überdeckt man so leichter seine Schüchternheit.
DER CORPORATE GOTH
Obwohl ich nie Teil der Schwarzen Szene war, stehe ich ihr trotzdem nahe. Ich würde mich
am ehesten als corpgoth, also als Gruftie, der für seinen Unterhalt arbeiten muss, bezeichnen. Corporate Goths werden oft dafür kritisiert, dass sie sich sehr angepasst verhalten. Das ist auch bei mir der Fall. Tagsüber bin ich aufgrund meiner Anstellung unauffällig gekleidet. Tief in meinem Inneren aber bin und bleibe ich schwarz. Und das kann und wird mir keiner nehmen. Im Arbeitsalltag als Gothic zu bestehen ist nicht einfach. Arbeitgeber haben nach wie vor große Vorurteile; zumal ich im eher ländlichen Bereich lebe und arbeite. Dadurch dass ich durch meine Anstellung Umgang mit Druckereien, Messebauern usw. habe, ist ein angepasstes Äußeres notwendig. Dass ich seit 2002 eine Glatze (Grüße an Kai L.) habe und einen Kinnbart trage (rein vom Äußeren sind Anton Szandor LaVey (Church of Satan), Shavo Odadjian (System Of A Down) und Jeroen van Veen (Within Temptation) meine Vorbilder) verlangt ohnedies schon viel Toleranz von Seiten meines Arbeitgebers. Bei der Glatze kann ich allerdings argumentieren, dass ich nun mal nicht mehr viel Haupthaar habe (stimmt leider) und eine Vollglatze besser aussieht als eine Tonsur. Und den Kinnbart trage ich, um mich von Skins - gleich welcher Schattierung - zu unterscheiden. Trotzdem heiße ich bei vielen nur noch: Der Graf. Das macht mir nichts aus. Im Gegenteil! Ich find's amüsant. Zu diesem Namen kam ich übrigens auch, weil ich eigenhändig zwei Jungfledermäusen in die Freiheit geholfen habe, die sich verirrt hatten. Verletzender ist es da schon, wenn dich Leute wegen deiner Glatze ansehen, dir nahe legen dir wenigstens ein paar Haare stehen zu lassen und dir in einer Mischung aus Entsetzen und Bewunderung ausrichten lassen: Das hätt' ich mich nie getraut! Ich kann nur so viel sagen: Glatzen sind sehr praktisch und haben nichts mit mangelndem Durchsetzungsvermögen zu tun. Bestätigung erhielt ich unlängst auch von Hannes' Oma aus den fernen Vereinigen Staaten. Sie schrieb:
[...] Also, I must say Christian looks very suave with his goatee and shaved head! He has also lost a lot of weight! Good for you, Christian! Way to go! [...]
Text: privat.
Solche seltenen Komplimente höre auch ich sehr gerne. Wenigstens hat sich all die Mühe mit dem Abnehmen gelohnt! Nebenbei bemerkt ist es für mich eine ziemliche Plackerei, das Gewicht zu halten. Nachdem ich 2001 rund zehn Kilogramm abgenommen hatte, weil ich mich so wohler fühlte und attraktiver fand (auch ich bin eitel), habe ich mir während der letzten Jahre aus Frust und Unzufriedenheit über meine letzte Anstellung wieder einigen Speck angefressen. Mitte letzten Jahres war dann Schluss! Ich fühlte mich erneut nicht mehr wohl in meiner Haut. Außerdem finde ich beleibte Goths - ob männlich oder weiblich - nicht sonderlich anziehend. Sie sind ein Widerspruch in sich (meine persönliche Meinung). Jedenfalls ging ich zu meinem Hausarzt und der half mir weiter: Seit ich meine Ernährung umgestellt habe, habe ich wieder um die zehn Kilogramm abgenommen. Anfangs dachte ich, es sei schrecklich auf all das gute Essen verzichten zu müssen (ich esse sehr gerne), doch mit der Zeit habe ich mich daran gewöhnt. Ich habe keine Heißhungerattacken mehr und esse so gut wie keine Süßigkeiten. Zugegeben: ab und zu gönne ich mir ein Stück von Sarottis SCHWARZE HERREN SCHOKOLADE EDELBITTER mit beachtlichen 60 Prozent Kakaoanteilen, aber auch Inhaltsstoffen wie Koffein, Theobromin, Anadamid und Phenylethylamin (beides Antidepressiva). Allein die Verpackung finde nicht nur ich gut. So schreibt ein Rezensent für die Seite "www.yopi.de":
[...] Geschmacklich erwartet mich [...] ein Feuerwerk der Aromen. Auch hier ganz klar, übernimmt der Kakao die dominierende Rolle und prägt den Geschmack doch maßgebend. Er besticht mit seinen kräftigen und so typischen Aromastoffen. Nicht zu vergessen sind die herben Geschmackstoffe, die einen angenehmen bitteren Geschmack hervorrufen und zu Recht gehört diese Schokolade zu denen, die man als Edelbitter bezeichnet. Der Kakao und diese bittere Komponente stehen in einem ausgewogenen Verhältnis, was auch dem guten Geschmack dienlich ist. [...]
Text: Mario Haese (2004): Schokolade macht glücklich. Testbericht über Stollwerck Schwarze Herren Schokolade. URL: www.yopi.de.
Dieser Meinung kann ich mich nur anschließen: Auf keinen Fall ist die Schokolade jedermanns Geschmack und eher für den reiferen Genießer-Goth.
Zu erklären, was eigentlich einen Goth (Gothic oder Gruftie) ausmacht, ist da schon schwieriger. Auch innerhalb der Schwarzen Szene gehen - so weit ich es beurteilen kann - die Meinungen auseinander. Am ehesten würde ich sagen, dass Goth zu sein, ein bestimmtes Lebensgefühl ist. Teil dieses Gefühl ist sicherlich der Umgang eines Grufties mit dem Tod. Gothics setzen sich mit diesem Thema auseinander und finden beispielsweise nichts dabei sich mit Dingen, die dem Tod nahe stehen, zu umgeben. Durch den Umgang nehmen sie der Urangst vor dem Tod als Ende die Schärfe. Für gewöhnlich wird der Tod aus unserem Bewusstsein verdrängt, auch wenn er wie die Geburt Bestandteil unseres Lebens ist. Ein Goth hat keine Angst vor dem Tod. Warum auch? Gerade der Umgang mit dem Tod lässt den Gruftie sein Leben bejahen. CARPE NOCTEM - Genieße die Nacht, als sei sie deine letzte! ist das Lebensmotto des Goths.
Außerdem haben fast alle Goth noch eine weitere Gemeinsamkeit: Die Beschäftigung mit alten Sagen, Mythen und Legenden. Selbst abgeklärte Modern Goths wie ich können sich ihren Reizen nicht entziehen. Gerne erinnere ich mich an die Sagen zurück, die ich früher gelesen habe: vom Kasermandl, das im Winter in den verlassenen Almhütten Tirols müden Wanderern auflauert, um sie zu fressen, von der Habergeiß aus dem Bregenzer Wald, ein Dämon, halb Frau halb Tier, oder von der weißen Frau von Wolfsegg in Bayern. Nicht erst seit ich Gothic bin, beschäftige ich mich mit dem Mittelalter und habe eine besondere Vorliebe für Geister und Gespenster, Hexen, tote Jungfrauen, Spukgestalten und Vampire, die tagsüber in Särgen schlafen. Immer noch jagen mir Besuche im Kriminalmuseum in Rothenburg oder die Erinnerungen an die Folterkammer der Burg Greifenstein bei Wien leichte Schauer über den Rücken. Überhaupt: meine Zeit in Wien hat mir den Tod sehr nahe gebracht. Nicht umsonst sang Georg Kreisler 1969: Der Tod, das muss ein Wiener sein. Das Klischee sagt: Wiener haben eine Vorliebe für die dunklen und skurrilen Seiten des Lebens. Davon zeugen schon die schönen Friedhöfe, die zu jeder Jahreszeit beliebte Ausflugsziele sind. Ein Spaziergang auf dem riesigen Wiener Zentralfriedhof lässt sich mit einem Besuch der vielen Ehrengräber von Schubert bis Falco verbinden. Nirgendwo sonst gibt es ein Bestattungsmuseum, in dem man alles Wissenswerte und Skurriles zu alten Begräbnisritualen - vom Klappsarg bis zur Sargmadonna - erfährt. Oder das Pathologisch-anatomische Bundesmuseum im Narrenturm, oder die Michaelergruft mit dem Leichnam einer jungen, schwangeren Frau und in ihrem Bauch das sich noch deutlich abzeichnende Baby. Weit weniger makaber geht es in den vielen Geisterbahnen des Praters zu.
Eines ist sicher: Äußerlichkeiten wie beispielsweise schwarzer Samt, Edelbitter-Schokolade oder bleiches Make-up machen einen Goth sicher nicht aus. Wirkliches Schwarzsein kommt - wie bereits erwähnt - von Innen heraus. Ein Goth kann Dinge sehen, die andere nicht sehen wollen. Er sucht nach einer Schönheit, die in der Tiefe der Dunkelheit verborgen liegt. Ein wirklicher Goth ist jemand, der die Dunkelheit sieht, sich aber nicht vor ihr fürchtet.
Apropos Äußerlichkeiten: Endlich habe ich passende Seiten mit Einrichtungsdesign und Wohnaccessoires für Liebhaber dunkler Wohnwelten entdeckt. Im Orkus, einer meiner Lieblingszeitschriften, entdeckte ich zufällig die Annonce von Caleidolex - Wohnkultur zum Sterben schön. Neugierig besuchte ich den Online-Shop der Textildesignerin Susanne Böhner (siehe ZWÖLF LINKS nebenan) und war angenehm überrascht. Unter der Adresse "www.darkinterior-design.de" gibt es vieles, was das schwarze Herz begehrt: Bettwäsche, Handtücher, Wandbehänge, Decken, Kerzen, Vasen, aber auch Schaumbäder, Lotionen, Shampoos und Möbel. Mittlerweile sind meine Frau und ich sehr zufriedene Kunden geworden. Selten ist mir eine so zuvorkommende Kundenbetreuung aufgefallen. Als die Inhaberin und Textildesignerin Susanne Böhner gefragt wurde, wie sie zu dieser ungewöhnlichen Geschäftsidee kam, antwortete sie:
[...] Durch den absoluten Mangel an einem gebündelten Angebot mit modernem Wohndesign für die schwarze Szene, vor allem für all jene, die ihr "Schwarz-Sein" in ihr "Erwachsenenleben" integriert haben und Wert auf "Szene-Ästhetik" legen. [...]
Text: Jo Löffler (2005): Caleidolex. Alles fürs Dunkle Heim! ME - Mystik & Entertainment. Nr. 3 Februar/März 2005. Stuttgart.
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DIE GOTHIC GIRLS
You can see her
whenever it rains
from Rome to New Orleans
dancing on the graves.
Burden by the heart
she loves her sunglasses after dark.
And every single day her little life falls apart.
She´s out to look so macabre and alone.
She´s close to hook on her dying.
Just like a gothic girl
lost in the darken world.
My lil´gothic girl!
Darkerside jewel are your razorcuts for real, baby.
You can see
she´s on her road to ruin.
Stigmata from crucifiction
on her pale white skin.
Tribal pagan art:
she loves her tattooed Egyptian mark
and every single day her love will tear us apart.
She´s out to look so macabre and alone.
She´s close to hook on her dying.
Just like a gothic girl
lost in the darken world.
My lil´gothic girl!
Darkerside jewel are your razorcuts for real, baby.
Text: Lyricsbox.com (2005): The 69 Eyes. Gothic Girl. URL: www.lyricsbox.com
[...] Jung war sie, und doch wieder nicht. Die Flechten ihres dunklen Haares waren noch von keinem Reif berührt, ihre weißen Arme und ihr klares Gesicht waren makellos und glatt, und das Licht von Sternen war in ihren leuchtenden Augen, die grau wie die wolkenlose Nacht waren; doch sah sie königlich aus, und in ihrem nachdenklichen Blick lag Weisheit wie bei jemanden, der viele Dinge kennt, die die Jahre bringen. [...]
So kam es, dass Frodo sie erblickte, die wenige Sterbliche je gesehen hatten: Arwen, Elronds Tochter, mit der, wie es hieß, Lúthiens Ebenbild wieder auf die Erde gekommen war; und sie wurde Undómiel genannt, denn sie war der Abendstern ihrers Volkes.
Text: John Ronald Reuel Tolkien (1979): Der Herr der Ringe. Band I: Die Gefährten. Stuttgart.
The image is familiar: black hair, bangs, a disarmingly genuine smile and/or campy look of stern sexuality. Bettie Page is perhaps the most well-known unknown personality in the history of American popular culture. After a heydey during which she was the sought-after pin-up subject in the business, Bettie Page the person simply disappeared into obscurity while Bettie Page the object d'art cemented itself into America's foundation. In the intervening decades, a cult of personality built around her even as the mystery regarding her whereabouts deepened. [...]
Text: John Michlig (2002): Bettie Page. Part I. URL: www.fullyarticulated.com.
The Black Dahlia was the name given to Elizabeth Short, an aspiring actress who often dressed completely in black. Her hair was jet black, her skin was very pale and her nail polish and lipstick very red. The contrast of these colors, combined with her nice figure and very attractive face, created a most dramatic effect even in a place like Hollywood. [...]
Of course, the Black Dahlia was not always known by that name. Elizabeth Short was born on July 29, 1924, in Hyde Park, Massachusetts, to Phoebe and Cleo Short. Her family and friends in Massachusetts called her Betty. [...]
Text: Courtroom Television Network LLC (2000): The Black Dahlia in Hollywood. URL: www.crimelibrary.com.
Es war einmal mitten im Winter, und die Schneeflocken fielen wie Federn vom Himmel herab. Da saß eine Königin an einem Fenster, das einen Rahmen von schwarzem Ebenholz hatte, und nähte. Und wie sie so nähte und nach dem Schnee aufblickte, stach sie sich mit der Nadel in den Finger, und es fielen drei Tropfen Blut in den Schnee. Und weil das Rote im weißen Schnee so schön aussah, dachte sie bei sich: "Hätt ich ein Kind, so weiß wie Schnee, so rot wie Blut und so schwarz wie das Holz an dem Rahmen!"
Bald darauf bekam sie ein Töchterlein, das war so weiß wie Schnee, so rot wie Blut und so schwarzhaarig wie Ebenholz und ward darum Schneewittchen (Schneeweißchen) genannt. Und wie das Kind geboren war, starb die Königin. [...]
Text: Isabelle My Hanh Derungs (2006): Jacob und Wilhelm Grimm. Schneewitchen. KHM 53. URL: www.maerchenlexikon.de.
Ich bin so wild nach deinem Erdbeermund,
ich schrie mir schon die Lungen wund
nach deinem weißen Leib, du Weib.
Im Klee, da hat der Mai ein Bett gemacht,
da blüht ein süßer Zeitvertreib
mit deinem Leib die lange Nacht.
Da will ich sein im tiefen Tal.
Dein Nachtgebet und auch dein Sterngemahl.
Im tiefen Erdbeertal, im schwarzen Haar,
da schlief ich manches Sommerjahr
bei dir und schlief doch nie zuviel.
Ich habe jetzt ein rotes Tier im Blut,
das macht mir wieder frohen Mut.
Komm her, ich weiß ein schönes Spiel
im dunklen Tal, im Muschelgrund...
Ich bin so wild nach deinem Erdbeermund! [...]
Text: Peter Walther (2005): François Villon?. Ich bin so wild nach deinem Erdbeermund. URL: www.walther-nienburg.de.
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DER FREIGEIST
Der Begriff "Freigeist" war die vor allem im 18. Jahrhundert übliche und eher abwertende Bezeichnung für einen Menschen, der unabhängig von Moral, Religion und Gesetz denkt und handelt. Der lasterhafte Freigeist oder auch libertin erschien den damaligen Autoritäten zuweilen als moderne Verkörperung des Teufels.
Heute wird der Begriff Freigeist glücklicherweise eher positiv gesehen und zuweilen auch - unrichtigerweise - als Synonym für den "Freidenker" gebraucht. Für mich heißt Freigeist zu sein, den Zustand der völligen Freiheit zu kennen, gepaart mit der Erkenntnis, dass es nicht völlig ohne Regeln und Gesetze gehen kann. Hierbei gilt für mich der Grundsatz: Die Freiheit eines einzelnen kann nur so weit gehen, bis sie die Freiheit eines anderen zu verletzen droht. Sollte es dem Menschen tatsächlich aufgetragen worden sein, sich die Erde Untertan zu machen, bedeutet das, dass ein jeder einzelne von uns eine große Verantwortung trägt. Freiheit zu haben bedeutet für mich nicht, die völlige Freiheit von etwas zu haben, sondern heißt, dass wir die Freiheit zu etwas haben, nämlich die Freiheit eigenverantwortlich Entscheidungen zu treffen.
Ich möchte nicht falsch verstanden werden: Obwohl ich große Schwierigkeiten mit der Institution Kirche habe, bin ich ein gläubiger Mensch. "Scriptura et traditio" (dt. Schrift und Tradition), heißen beispielsweise die beiden Glaubensgrundsätze der römisch-katholischen Kirche. Aber genau diese Tradition ist einer längst fälligen Erneuerung innerhalb der Kirche im Weg. "Sola scriptura", heißt der Glaubengrundsatz der Evangelischen - nur die Heilige Schrift zählt. Somit sollten sie eigentlich offener sein, vermutet man. Allerdings gibt es auch innerhalb der Evangelischen Kirche seltsame Auswüchse: Man denke an die Kreationisten, jene seltenwissenschaftlichen Evolutionsgegner mit biblischem Hintergrund, an die evangelisch-freikirchliche Glaubensgemeinschaft oder auch die bisweilen seltsamen Aufassungen der Calvinsten.
Erzogen wurde ich im römisch-katholischen Glauben und die größtenteils positiven Erfahrungen während meiner Kindheit in Wien möchte ich nicht missen. Denke ich daran zurück, so fallen mir u. a. sofort die Religionsstunden bei Frau R. während der Volksschulzeit wieder ein: Diese verbrachten wir oft mit Zeichnen und Malen. Unsere Religionslehrerin las uns eine Geschichte vor und wir durften dazu ein Bild ins Heft zeichnen, eine sehr schöne Methode, um einem den Glauben näher zu bringen, genauso wie Adventskalender mit Motiven aus der Bibel oder papierene Krippenfiguren zum Ausschneiden. Während meiner Kindergartenzeit bei den Vinzentinerinnen in Unter Sankt Veit dagegen saß die dunkel gewandete Schwester meist Erfurcht gebietend an ihrem Pult und wachte mit strengen Augen über uns. Vergleiche mit dem Müllermeister aus dem Buch "Krabat" drängen sich hier bei mir unmittelbar auf. An meine Hortzeit bei den Schulschwestern vom Dritten Orden des Heiligen Franziskus (Elisabethinum) in Ober Sankt Veit erinnere ich mich lieber: Da ich Musikschule hatte, durfte ich einmal in der Woche bei der Küchenschwester vorzeitig Mittag essen. Zudem war ich in der Jungschar der Hietzinger Pfarrei "Zum Guten Hirten". Die Bevölkerung nannte den eigenwilligen Kirchenbau in der Bossigasse immer "Gottesburg", weil er durch die Betonwände und die schießschartenartigen, kleinen Fenster an eine mittelalterliche Trutzburg erinnerte. Dort erhielt ich auch meine Erste Kommunion. Werken durfte ich als Schulbub in Tante-Ernas-Bastelstunde in Ober Sankt Veit. In der Pause wurde uns immer eine Heiligengeschichte vorgelesen und gebetet. Die Legende von der Heiligen Barbara und die Sitte der Barbarazweige haben mir immer besonders gut gefallen.
Meine Relgionsverdrossenheit kam erst später in Deutschland: Der damalige Pfarrer der Salvatorkirche in Aalen war ein sehr fahriger Mensch und sein Vikar unfähig Kinder zu unterrichten. Man hatte bei dem Spätberufenen immer das Gefühl eine verkrachte und gescheiterte Existenz vor sich zu haben, die einem das Fürchten lernen konnte. Während der Zeit im Gymnasium war ich eine zeitlang Zeichner der Kinderzeitung der Salvator-Gemeinde, richtete zusammen mit den Religionslehrern der Schule ökumenische Schulgottesdienste aus und fand den Religions- ähnlich wie den Geschichtsunterricht weiterhin sehr interessant. Ein einschneidendes Erlebnis war allerdings der Firmunterricht, während dessen wir auf Wunsch aller unter anderem Bilder von Abtreibungen gezeigt bekamen. Die schrecklichen Bilder haben sich in mein Gedächtnis eingebrannt und längstens seit diesem Moment habe ich Schwierigkeiten mit der Kirche. Nicht weil ich weder ein Abtreibungsbefürworter noch -gegner bin, sondern wahrscheinlich liegt es daran, dass ich - völlig irrational - die Abtreibungsbilder mit dem Firmunterricht und den Firmunterricht mit der römisch-katholischen Kirche in Verbindung bringe. Zusätzlich aufgerüttelt wurde ich durch die Erzählungen meines Vaters, der nach dem Krieg seine Gymnasialzeit in einer Benediktinerabtei in Niederösterreich verbrachte, Berichte über pädophile Übergriffe im Kirchenalltag und den sehr vielseitigen Religionsunterricht, für den ich meinen langjährigen Lehrern, Frau und Herr S., sehr dankbar bin. Ich begann einiges kritischer zu sehen. Das Maß war im Jahre 1992 endgültig voll, als der von Papst Johannes Paul II. approbierte Katechismus der Katholischen Kirche herauskam. Unter anderem wurde darin die Homosexualität als eine Verfehlung verurteilt:
[...] Gestützt auf die Heilige Schrift, die die Homosexualität als schlimme Abirrung bezeichnet, hat die Überlieferung stets erklärt, 'dass die homosexuellen Handlungen in sich nicht in Ordnung sind'. Sie verstoßen gegen das natürliche Gesetz, denn die Weitergabe des Lebens bleibt beim Geschlechtsverkehr ausgeschlossen. Sie entspringen nicht einer wahren affektiven und geschlechtlichen Ergänzungsbedürftigkeit. Sie sind in keinem Fall zu billigen. [...]
Text: Dr. theol. Josef Spindelböck (2003): Keuschheit und Homosexualität. URL: www.stjosef.at.
Nicht nur als angehender Freigeist war das für mich eine unhaltbare Behauptung, zumal die Schwulen zuvor jahrelang u. a. durch den Staatssekretär a. D. Herrn Peter Gauweiler im Freistaat Bayern für die Verbreitung von AIDS verantwortlich gemacht wurden. Ich trat aus der Kirche aus, weil ich Schwierigkeiten mit dem Bodenpersonal hatte, obwohl mir das - ich zitiere - jenseitsorientierte Berufsbild wie das des Pfarrers nicht unbedingt missfiel. Ein Austrittsgespräch fand auf meinem Wunsch hin nie statt, vor allem weil der Pfarrer meinte, ich trete nur wegen der Kirchensteuer aus. Ich war damals noch Student und somit von Steuern befreit. Das war mir zu dumm!
Seither bot sich mir immer wieder die Gelegenheit, mich mit Vertretern von anderen Glaubensmeinschaften zu unterhalten. So habe ich mich mit Mormonen, Zeugen Jehovas, Evangelisch-Freikirchlichen, Hare-Krishna-Anhängern und Scientologen auseinander gesetzt, ohne jedoch von einer dieser Glaubensrichtungen überzeugt worden zu sein. Ich finde es einerseits bemerkenswert, mit welchem Eifer Menschen in Glaubensfragen ans Werk gehen. Anderseits bin ich weiterhin davon überzeugt, dass Religion und Macht oftmals einher gehen. Außerdem empfinde ich den Absolutheitsanspruch vieler Religionsgemeinschaften als störend, dass sie die alleinige Wahrheit vertreten, und die Vehemenz, die einzelne Glaubensgruppierungen bei der Missionierung (Glaubensverbreitung) an den Tag legen. Außerdem lehne ich für gewöhnlich Gewalt ab, obwohl diese Bestandteil vieler Religionen ist. Man denke dabei beispielsweise an den Djihad, den Heiligen Krieg. Dabei ist es völlig gleichgültig, ob dieser geschichtlich oder aus dem Koran heraus begründet werden kann. Eigentlich sollte Toleranz zwischen den einzelnen Glaubensgemeinschaften das oberste Gebot sein. Gotthold Ephraim Lessings Nathan der Weise macht es in dem gleichnamigen Theaterstück vor (die Ringparabel).
Über die Biografie "The Long Hard Road Out Of Hell" des Gesamtkunstwerkes Marilyn Mansons und durch meinen heutigen Musikgeschmack bin ich mehrfach auch mit den Satanismus in Berührung gekommen. Gerade den Satanismus finde ich doch sehr plakativ. Wie viele andere Glaubensgemeinschaften macht er es dem Gläubigen sehr leicht zu glauben. Und ebenso wie die anderen Glaubensrichtungen hat es auch der Satanismus unter anderem aus diesem Grund nicht geschaft, mich zu überzeugen. Mir ist diese ständige Schwarz-Weiß-Malerei ein Greuel, obwohl ich manche Ansätze im Satanismus durchaus interessant finde. Die Satanische Bibel ist allerdings ein Buch, das mich eher zum Schmunzeln als zum Nachdenken bringt. Der Gedanke einer Antireligion, einer Gegenreligion, finde ich sehr interessant. Die Institutionalisierung und die Tradition haben noch jede Glaubensgemeinschaften wenig attraktiv wirken lassen. Dennoch bin auch ich der Überzeugung, dass Glauben unmöglich eine reine Privatsache sein kann.
DER GEMÄSSIGTE ANARCHIST
Zu einem gemäßigten Anarchisten wurde ich, weil ich während des Gemeinschaftskunde-Unterrichts merkte, dass selbst in einer Demokratie Entscheidungen immer nur von kleineren Gruppen (Politiker, Konzerne, Parteien), d. h. oligarchisch, gefällt werden. Der Begriff "Anarchie" leitet sich vom griechischen Wort "anarchia" ab. Mit Anarchie bezeichnet man eine Gesellschaft, in der Menschen ohne Macht und Herrschaft friedlich miteinander leben. Ein Mensch, der nach diesen Idealen lebt, wird in der Regel als Anarchist bezeichnet. Insofern kann man mich gerne einen Anarchisten nennen. Die Beifügung "gemäßigt" sagt aus, dass ich einerseits Gewalt ablehne, vor allem, wenn es um die Erlangung der Ideale geht; andererseits eine Authorität nicht völlig ablehne, gemäß dem Grundsatz: So viel Staat wie nötig und so wenig wie möglich. Insofern sind die gemäßigten Anarchisten die Realos unter den Anarchisten. Die Fundis unter den Anarchisten sehen das sicherlich anders.
Zudem haben die Anarchisten mit einer ganzen Reihe von Vorurteilen zu kämpfen. So wird beispielsweise der Begriff "Anarchie" umgangssprachlich und von seinen politischen Gegnern oft mit Zerstörung und Chaos gleichgesetzt. Das ist nicht richtig. Der gemäßigte Anarchismus im eigentlichen Sinne strebt eine Gesellschaft an, dessen politische Entscheidungen von der Basis, von der Bevölkerung eines Landes, ausgehen. Deshalb ist die gemäßigte Anarchie auch mit einer Basisdemokratie gleichzusetzen. Dazu wird die Selbstorganisation als Mittel angesehen. Das Leben soll folglich auf kleinstmöglicher politischer Ebene geregelt werden. Bereits 1793 formuliert William Godwin in seinem Werk "Enquiry Concerning Political Justice", dass jedwede obrigkeitliche Gewalt als ein Eingriff in die private Urteilskraft anzusehen ist. Demnach sollte ein jeder einzelne Mensch die ihn betreffenden Entscheidungen selbst oder, wenn er der Hilfe anderer bedarf, gemeinsam mit anderen fällen dürfen. Auch hierbei gilt der Grundsatz: Die Freiheit eines einzelnen kann nur so weit gehen, bis sie die Freiheit eines anderen stört. Anarchie bedeutet persönliche Freiheit, ein lebenswertes und friedliches Zusammenleben, sowie mehr Menschlichkeit.
"Keine Macht niemandem!", "Kein Gott, kein Staat, kein Herr, kein Sklave!", "Anarchy, the Key of Freedom" sind allseits bekannte Slogans der linken Szene. Und tatsächlich setzt sich ein gemäßigter Anarchist mit all seinen verfügbaren, friedlichen Mitteln gegen Hass und Unterdrückung und den daraus entstehenden Problemen ein. Zugegeben: Der Gedanken, ein Anarchist zu sein, ist nicht nur auf Grund der vielen Vorurteile für die meisten undenkbar. Anarchisten sind nicht gewalttätig. Auch strebt die Anarchie nach einer moralisch und ethisch vertretbaren Ordnung. Ihre Grundsätze sollten Vernunft, Toleranz und Gleichberechtigung sein. Zudem sind viele Ideen, die den Anarchismus betreffen, nicht mehr zeitgemäß. Die Grundideen bleiben sicherlich die gleichen. Trotzdem ist jeder einzelne Anarchist gefragt, die durchaus berechtigten Forderungen an das Heutige, an die Jetztzeit, anszupassen. Tatsache ist: Selbst die Anarchie kann ohne Regeln nicht funktionieren. Diese Forderungen sind: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Gerechtigkeit, Frieden und Wohlstand.
Ich möchte noch einmal betonen: Gemäßigte Anarchisten wollen keineswegs die Macht übernehmen. Sie wollen auch nicht für andere entscheiden. Ihr Ziel ist es, dass die Bevölkerung eines Landes ihr Leben selbst in die Hände nimmt. So schrieb der türkische Dichter Nâzim Hikmet (1902 - 1963):
[...] Yaşamak bir ağaç gibi tek ve hür ve bir orman gibi kardeşçesine, bu hasret bizim.
Leben einzeln und frei wie ein Baum und brüderlich wie ein Wald. Diese Sehnsucht ist unsere!
Text: Verfasser unbekannt (2006): Nâzim Hikmet. Schaffen. URL: de.wikipedia.org.
Angesichts der Politikverdrossenheit innerhalb der Bevölkerung ist ein Mehr an Selbstbestimmung durchzusetzen sicherlich kein leichtes Unterfangen, ganz gleichgültig für wen man Partei ergreift. Genau aber jene Selbstbestimmung ist die Voraussetzung für mehr Mitbestimmung der Bevölkerung. Politikverdrossenheit führt nämlich auch dazu, dass radikalere Ideen anteilsmäßig immer mehr Zuspruch erhalten. Mit kernigen Sprüchen und in oft plumper Manier agieren diese Menschenfänger. Ähnlich schlimme Auswirkung hat die Wahlverdrossenheit. Für mich ist Wählen zu gehen Bürgerpflicht! Man darf nie vergessen, wie blutig das Allgemeine Wahlrecht errungen wurde. Niedrige Wahlbeteiligung führt zwangsweise zur Oligarchie, also zur Herrschaft weniger, einem bestimmten Teil der Bevölkerung. Eine Politk sollte immer von einer Mehrheit in der Bevölkerung getragen werden. Schließlich wird eine Regierung von der Bevölkerung gewählt. Was den perfekten Politiker betrifft gibt es zwei Theorien, was einen guten Politiker auszeichnen sollte: Die eine besagt, dass ein guter Politiker vornehmlich ein Berufspolitiker sein sollte, also einer der sich zwar in seinem Ressort nicht zwangsweise auskennen muss, dafür aber im Bereich der Selbstdarstellung und -vermarktung punkten kann. Einem Schauspieler gleich (Ronald Reagan und Arnold Schwarzenegger waren Filmschauspieler, ehe sie in die Politik gingen) spielt er eine Rolle. Voraussetzung ist allerdings ein Stab, der den Politiker unterstützt und ihn ausreichend und wohlportioniert mit Informationen (Fachwissen) versorgt. Die andere Theorie besagt, dass ein guter Politiker über ein ausreichendes Fachwissen und Erfahrungen in seinem Ressort verfügen sollte. Leider verkauft sich ein solcher Politiker lange nicht so gut. Er wirkt meist etwas farblos und kann seine Wählerschaft nicht ganz so gut überzeugen, obwohl er vielleicht brillante Ideen hätte. Hier sind ebenfalls Berater gefragt, die ihn publikumswirksamer machen. Ein Politiker sollte unparteiisch und nur seinem eigenen Gewissen verpflichtet sein. Dafür waren ursprünglich auch die hohen Diäten gedacht. Sie sollten gewährleisten, dass Politiker unbestechlich sind. Nett gemeint. Stattdessen bestimmen heutzutage Parteienzwang und Nebenjobs den Berufsalltag eines Politikers.
Erschwerend kommt hinzu, dass die Medien immer schon meinungs- und stimmungsbildend waren. "BILD dir deine Meinung!" wirbt Deutschlands bekannteste Tageszeitung. Das setzt aber ein bestimmtes Potential (zumindest Grundkenntnisse in Gemeinschaftskunde) und die Bereitschaft möglicherweise gegen den Strom zu schwimmen voraus. Auch eine Verquickung von Politik und Kirche kann ich nicht gutheißen.
Zurück zum Anarchisten: Bemerkenswert ist die Verwendung der Unfarbe Schwarz bei den Anarchisten. Sie steht ursprünglich für die Not, die Wut und die Bitterkeit der Arbeiterklasse. Leider stamme ich aus der aussterbenen Mittelschicht. Bin ich deswegen kein guter Anarchist oder gar ein Champagner-Demokrat, Bordeaux-Räsonneur, Sushi-Revoluzzer, Kaschmir-Philanthrop oder Gucci-Pazifist? Ich hoffe nicht! Über die Symbolik der Unfarbe bei den Anarchisten schreiben Carol und Dr. Howard Ehrlich in ihrem Buch "Reinventing Anarchy":
[...] Why is our flag black? Black is a shade of negation. The black flag is the negation of all flags. It is a negation of nationhood which puts the human race against itself and denies the unity of all humankind. Black is a mood of anger and outrage at all the hideous crimes against humanity perpetrated in the name of allegiance to one state or another. It is anger and outrage at the insult to human intelligence implied in the pretenses, hypocrisies, and cheap chicaneries of governments.
Text: Per Bylund (1999): Carol und Dr. Howard Ehrlich. Reinventing Anarchy. URL: www.anarchism.net.
Versöhnlicher stimmt eine weitere Passage in ihrem Buch. So schreiben sie:
[...] But black is also beautiful. It is a color of determination, of resolve, of strength, a color by which all others are clarified and defined. Black is the mysterious surrounding of germination, of fertility, the breeding ground of new life which always evolves, renews, refreshes, and reproduces itself in darkness. The seed hidden in the earth, the strange journey of the sperm, and the secret growth of the embryo in the womb all these the blackness surrounds and protects.
Text: Per Bylund (1999): ebenda.
Über die Unfarbe Schwarz läßt sich schließlich wieder die Verbindung zu den Goths herstellen. Auch bei den Grufties stelle ich eine Zweideutigkeit in der Farbsymbolik von Schwarz fest.
DER TOLKIENIST
Über John Ronald Reuel Tolkiens Trilogie "Der Herr der Ringe" las ich zum ersten Mal 1983 in einem Reader's-Digest-Heft meiner Oma. Darin wurde der 1977 entstandene Trickfilm von Ralph Bakshi vorgestellt. Die Abbildungen zu dem Artikel gefielen mir so gut, dass ich neugierig geworden war. Tags darauf überredete ich meine Oma mir doch Tolkiens Trilogie zu kaufen. Als stolzer Besitzer der Taschenbuchausgabe von Klett-Cotta begann ich bald alles zu lesen, was mit Tolkien in irgendeiner Weise zusammenhing. Dabei ging es mir wie vielen begeisterten Lesern von Tolkiens Werken: Unmittelbar nachdem ich den letzten Band von "Der Herr der Ringe" weggelegt hatte, fühlte ich mich völlig allein gelassen. Es fehlte mir etwas und so begann ich, mir selbst Geschichten aus zu denken. Zusätzlich beflügelt von dem damaligen Wunsch nach einer Freundin begann ich diese Geschichten nieder zu schreiben und so kam ich selbst zur Schriftstellerei. Mein Freund Holger K., dem ich die Geschichten zu lesen gab, konnte mit ihnen nie sonderlich viel anfangen, aber immerhin begannen meine Deutschnoten in der Schule bald besser zu werden und ich blieb der Schriftstellerei treu, immer in der Hoffnung, dass es mir eines Tages gelingt, ebenfalls etwas Bedeutendes zu schreiben. Ich erkannte die Macht der Sprache und Fantasie - so glaube ich - besitze ich genug. Des Weiteren denke ich, dass selbst schriftstellerisch tätig zu werden ein wirksames Mittel ist, um von dem Tolkien-Fieber geheilt zu werden. Mit Tolkien habe ich vor allem zwei Dinge gemein: Erstens bin ich ebenfalls ein Perfektionist und zweitens muss ich wie er arbeiten, um schreiben zu können. Wie lange Zeit Tolkien kann auch ich im Augenblick nicht von der Schriftstellerei leben, geschweige denn eine Familie ernähren. Selbst das Finanzamt sieht meine Schreiberei als Liebhaberei an, eine Tatsache, die sich in der Zukunft ändern soll. Ich arbeite daran!
Zwei Dinge missfallen mir bei Tolkien, obwohl ich ihn zweifellos für einen großartigen Geschichtenerzähler halte:
Die Trilogie "Der Herr der Ringe" wirkt altmodisch. Ich will damit sagen, dass sie durchaus in die Zeit passt, in der sie entstanden ist. Allerdings kommt meiner Meinung nach das Zwischenmenschliche viel zu kurz. Selbst wenn dies für Tolkiens Werke unpassend wäre, vermisse ich etwas. Reine Männergemeinschaften, die sich aufmachen, um Abenteuer zu bestehen, sind einfach nicht mehr zeitgemäß. Frauen, auch wenn sie emanzipiert erscheinen, sind bei Tolkien im Allgemeinen eher Randfiguren. Ausnahmen wie die Elbenfürstin Galadriel oder Éowyn, die Schildmagd Rohans, sind selten. Vielleicht kann man Tolkien deshalb den Vorwurf machen, er beschreibe eine elitäre Gesellschaft, der allzu (Zwischen)menschliches fremd ist. Für einen Jugendlichen, dessen Hormone verrückt spielten, war es bisweilen unverständlich, warum Tolkien so verfuhr. Möglich, dass es Tolkien als nicht wichtig, zu weltlich oder unpassend erachtete, Sexualität in seine Werke mit einfließen zu lassen. Möglich auch, dass er sich nicht festlegen wollte oder es schlicht zu belanglos für ihn war, denn wie stand schon 1983 in dem Cinema-Filmbuch "Science-Fiction-Filme" zu lesen: Doch auch im SF-Film enden erotische Höhenflüge wieder in irdischen Realitäten. Da boten Romane wie "Die Nebel von Avalon" von Marion Zimmer Bradley, George MacDonalds Geschichte "Der goldene Schlüssel" oder Michael Moorcocks "Elric von Melniborne" schon einiges mehr. Ich werde den Gedanken nicht los, dass Tolkiens Elben und Sex einfach nicht zusammenpassen.
In Peter Jacksons Filmen bestechen unter anderem die Schauspielerinnen Cate Blanchett, Miranda Otto und Liv Tyler in ihren Rollen als Galadriel, Éowyn und Arwen. Während mir auch im Film von ihrer Natur her die Figur der Éowyn zu wortkarg und die der Galadriel zu unnahbar ist, finde ich die Änderungen in Bezug auf Arwen sehr gelungen. Hier sind die Veränderungen zum Buch sehr augenfällig. Peter Jacksons Arwen nimmt in den Filmen einen höheren Stellenwert ein. Sie ist nicht länger nur eine Randfigur und der besonderen Tragik einer Liebesbeziehung zwischen einer unsterblichen Elbin und einem Menschen wird passender Weise mehr Aufmerksamkeit geschenkt. So wird in der Trilogie eine Liebesgeschichte nach dem Vorbild von Beren und Lúthien aus Tolkiens "Silmarillion" erzählt, deren Namen auch den Grabstein von Tolkien und seiner Frau Edith zieren. Übrigens, so finde ich, ist Liv Tyler als Arwen eine Idealbesetzung. Als ich hörte, dass sie die Elbin spielen würde, war ich skeptisch, doch sie hat mich rasch vom Gegenteil überzeugen können. Liv Tyler hat so etwas Zerbrechliches und Verwundbares in ihre Rolle gelegt. Ob das wohl an dem Gerücht liegt, dass die Schauspielerin extra für ihre Rolle abgenommen hat? Tolkien selbst hatte zu Lebzeiten nichts gegen Änderungen in einem Film einzuwenden, so lange sie sinnvoll waren. Außerdem wurde Tolkien schon öfters vorgeworfen, dass er zu sehr Schwarz-Weiß-Malerei betreibe. Demnach seien in seinen Bücher Gut und Böse zu sehr voneinander abgerückt. Diesem Vorwurf kann ich nur teilweise zustimmen. Es gibt einige Charaktere, die offensichtlich sowohl Gutes als auch Böses in sich vereinen. Ich denke dabei an Gollum, Bilbo oder Boromir. Lange Zeit konnte ich Gollum nicht ausstehen. Jetzt weiß ich warum: Seine Zerrissenheit ist nachvollziehbar. Seine Fehler sind typisch menschlich und damit einem jedem vertraut. Fehler, die er macht, können auch uns passieren.
Bisweilen ertappe ich mich dabei, die Beweggründe der Elben zu hinterfragen. Genauso wie die Zauberer kommen sie mir teilweise sehr berechnend und gerissen vor, wenn ich mich da nicht täusche. Wie Spielfiguren bewegen sie die Gefährten, die Ringgemeinschaft, auf dem Spielbrett hin und her. Mit den Hobbits konnte ich noch nie so Recht etwas anfangen. Die Zwerge, finde ich, sind eine Klasse für sich. Schade ist es allerdings, dass Sauron, Saruman und die Orks allein böse Geschöpfe sind. Das Böse wird meines Erachtens sehr einseitig-polarisierend bei Tolkien dargestellt. Dabei kann etwas Böses ebenfalls sehr vielschichtig sein und nicht immer hat sich jemand der Gegenseite angeschlossen, weil er dazu gezwungen wurde. Freilich gibt es überall Mitläufer, aber leider fehlen bei Tolkien einfach Charaktere, die sich einen Vorteil davon versprochen haben, dass sie sich Saurons oder Sarumans Sache angeschlossen haben, oder die sich aus Überzeugung für sie geopfert haben. Tolkien macht es sich bei der Darstellung der Bösen zu einfach. Es sind beispielsweise besiegte Völker, die Sauron dienen. Und da sind da noch die Orks und Uruk Hais, Geschöpfe, die nur für einen einzigen Zweck geschaffen wurden: Krieg zu führen. Zweifellos habe ich ein Faible für das Böse. Leider kommen aber List und Tücke in Tolkiens Büchern viel zu kurz. Das Böse ist meiner Meinung nach viel zu durchschaubar. Gut finde ich hingegen, dass Sauron nicht in körperlicher Gestalt dargestellt wird. Nur das, was wir nicht richtig begreifen können, fürchten wir tatsächlich. In der Verfilmung von Peter Jackson ist eindeutig der Uruk-Hai Lurtz mein Held. Er spiegelt eine allzu menschliche Sehnsucht wider: Böse und gemein zu sein ohne Rücksicht nehmen zu müssen. Zudem kann man ihm eine gewisse Ästhetik nicht absprechen, auch wenn er nur eine Marionette in Sarumans Händen ist.
Wie Cirdan von der Seite "www.herr-der-ringe-film.de" schreibt, nehme auch ich ab und zu meine alte, zerflederte Romanausgabe zur Hand und erinnere mich gerne an jene Mittelerde zurück, wie ich sie vor der Filmtrilogie gesehen habe. Ich glaube, das geht vielen so: Jeder hatte eine andere Vorstellung von Mittelerde. Trotzdem mag ich auch die drei Filme, die mir als eine Interpretation Dinge gezeigt haben, die ich mir nicht auszumalen vermochte. Ob ich die Romane oder die Filme bevorzuge? Das kann ich nicht sagen, denn beide Fassungen haben mein Leben auf die eine oder andere Art verändert.
Bild: Courtesy of NASA.
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